Chile
Einwohner: 16 200 000
Hauptstadt: Santiago de Chile
Ratifizierte IAO-Kernübereinkommen: 29 - 87 - 98 - 100 - 105 - 111 - 138 - 182
Die Philharmonie entließ Orchestermitglieder wegen ihrer Gewerkschaftsmitgliedschaft. Ein Lachszuchtunternehmen wollte mit Einschüchterung seine Beschäftigten dazu bewegen, dass sie Einzelverträge unterzeichnen und laufende Tarifverhandlungen aufgeben. Den Beschäftigten im öffentlichen Dienst bleibt das Streikrecht weiterhin vorenthalten. Der Rechtsschutz des Rechtes auf Tarifverhandlungen ist noch immer unzureichend.
Gewerkschaftsrechte in der Gesetzgebung
Anerkennung grundlegender Gewerkschaftsrechte: Die Beschäftigten haben das Recht, Gewerkschaften zu gründen, ohne zuvor eine Genehmigung einholen zu müssen. Das Recht auf Tarifverhandlungen wird anerkannt, ebenso wie das Streikrecht, jedoch nur im privaten Sektor.
Durch das im Dezember 2001 verabschiedete Gewerkschaftsgesetz wurden viele Beschränkungen aus der Pinochet-Ära abgeschafft. Vor allem darf sich die Regierung nicht mehr in die interne Organisation von Gewerkschaften einmischen.
Tarifverhandlungsbeschränkungen: Tarifverhandlungen werden nur auf der Ebene des einzelnen Unternehmens gewährleistet. Das Gesetz von 2001 sieht "freiwillige" Tarifverhandlungen vor, d.h. die Gewerkschaften können landesweite Verträge nur mit Zustimmung des Arbeitgebers aushandeln. Ebenso können Beschäftigte mit befristeten Verträgen - beispielsweise in der Landwirtschaft, in den Häfen, im Baugewerbe und in Kunst und Unterhaltung, nach der Definition im Arbeitsgesetzbuch - zwar Gewerkschaften gründen, Tarifverhandlungen jedoch nur dann führen, wenn der Arbeitgeber zustimmt. Änderungen des Arbeitsrechts erleichtern die Tarifverhandlungen im Landwirtschaftssektor. Jedoch müssen die Arbeitgeber nach wie vor den Verhandlungen zustimmen. Unternehmensübergreifende Gewerkschaften können nur dann Tarifverhandlungen führen, wenn die verschiedenen Arbeitgeber damit einverstanden sind.
Einschränkungen des Streikrechts: Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst sind nicht streikberechtigt, obwohl Lehrer/innen sowie Gemeinde- und Gesundheitsarbeiter/innen in der Vergangenheit bereits gestreikt haben. In rund 30 Unternehmen sind Konflikte mittels eines obligatorischen Schiedsverfahrens beigelegt worden. Streiks in der Landwirtschaft sind während der Erntezeit verboten.
Anstatt die Entlassung streikender Beschäftigter zu verbieten, will es das neue Gesetz "unerschwinglich teuer" machen, Beschäftigte zu entlassen, die an Arbeitskampfmaßnahmen beteiligt waren. Auch wird es Unternehmen mit dem neuen Gesetz unter bestimmten Bedingungen nicht untersagt, Streikbrecher einzustellen.
Darüber hinaus schließt das Gesetz auch die Aufnahme von "Flexibilisierungsmaßnahmen" ein, wie die Einführung befristeter Verträge und lockererer Bestimmungen für die Beschäftigung Jugendlicher.
Schutz: Die Beschäftigten haben das Recht, innerhalb von sechzig Tagen Klage wegen ungerechtfertigter Entlassung zu erheben. Falls die ungerechtfertigte Entlassung bestätigt wird, wird das Abfindungspaket um 30% aufgestockt. Wenn ein Richter befindet, dass ein Beschäftigter aufgrund seiner Gewerkschaftsarbeit entlassen wurde, hat er das Recht auf Rückkehr an seinen Arbeitsplatz bzw. auf eine Entschädigung. Für einige Kategorien von Beschäftigten gilt diese Klausel nicht.
Für Verstöße gegen arbeitsrechtliche Bestimmungen können Unternehmen bestraft werden. Alle sechs Monate veröffentlicht die Regierung eine Liste mit den Unternehmen, die gegen das Arbeitsrecht verstoßen haben.
Gewerkschaftsrechte in der Praxis
Die Regierung achtet im Allgemeinen die Bürgerrechte. Es gab vereinzelt Fälle von übermäßiger Härte und schlechter Behandlung bei Polizeieinsätzen.
Etliche gewerkschaftsfeindliche Praktiken bestehen fort, so z. B. ein Zutrittsverbot für Gewerkschaftsführer zu Betrieben, einseitige Änderungen der Arbeitszeiten, Ersatz streikender Beschäftigter und Entlassungsandrohungen, um die Gründung von Gewerkschaften zu verhindern. Ein Großteil der autoritären Aspekte der 1990 von Pinochet eingebrachten Verfassung wurde durch einige Verfassungsreformen beseitigt.
Rechtsverletzungen 2006
Hintergrund: Der 11. März 2006 war in Chile ein denkwürdiger Tag, denn die Sozialistin Michelle Bachelet wurde an diesem Tag als erste Frau in das Amt des Präsidenten des Landes eingeführt. Am 10. Dezember starb Pinochet ohne je verurteilt worden zu sein, obwohl während seiner Diktatur 3.197 Opfer registriert wurden, darunter 1.192 Inhaftierte oder Verschwundene. Im Bergbau wurden in diesem Jahr mehrere Streiks ausgerufen, so auch in La Escondida, dem größten Kupferbergwerk der Welt. Die Streiks endeten schließlich mit Einigungen zwischen den Arbeitgebern und den Gewerkschaften.
Vorsätzliche Kündigung der Gewerkschaft des Philharmonischen Orchesters: Am 4. September wurden 17 Musiker des Philharmonischen Orchesters entlassen, und die Verwaltung der Philharmonie begann, die übrigen Orchestermitglieder zu bedrängen, aus der Gewerkschaft auszutreten und den Tarifvertrag aufzugeben. Am 29. September wurde den 18 verbliebenen Orchestermitgliedern die Kündigung ausgesprochen. Die einzigen, die nicht entlassen wurden, waren die offiziellen Gewerkschaftsvertreter. Im Juli hatte der Kulturverein von Santiago ein ganzes Symphonieorchester aus Polen geholt, um das Philharmonische Orchester von Santiage zu ersetzen. Damit bestätigten sich Gerüchte, die in dieser Richtung bereits seit 2003 kursierten.
Lachszuchtunternehmen Aquachile der Gewerkschaftsfeindlichkeit beschuldigt: Das Lachszuchtunternehmen von Puerto Montt, Aquachile SA, national die Nummer 1 und international an zweiter Stelle, wurde beschuldigt, antigewerkschaftliche Maßnahmen gegen die Arbeitnehmer von zwei Gewerkschaften im Unternehmen eingeführt zu haben. Mitten in den Tarifverhandlungen versammelte der Betriebsleiter die Beschäftigten und drohte, wenn sie den Tarifvertrag nicht annähmen, würde das Unternehmen den Beschäftigten und den Gewerkschaftsführern kündigen. Dann wurden am 10. Juli die Werksbusse, mit denen die Beschäftigten zur Arbeit fahren, auf Geheiß der Geschäftsleitung umgeleitet, und sie wurden eingeschüchtert. Die Geschäftsleitung wollte sie dazu bringen, Einzelverträge zu unterschreiben und die Tarifverhandlungen aufzugeben. Das Unternehmen schloss schließlich nicht mit der Gewerkschaft einen Tarifvertrag, sondern mit einer parallelen Gruppierung mit 120 Mitgliedern. In der Beschwerde der Gewerkschaft heißt es, dieses Vorgehen des Unternehmens sei eine krasse Verletzung der Verfassungsgrundsätze.